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Trends und Skandale verändern den Fondsmarkt

Detlef Glow
Detlef Glow
Head of Lipper EMEA Research
Refinitiv, Frankfurt refinitiv.com

20. Juli 2019

Herr Glow, das erste Halbjahr liegt nun schon ein paar Tage zurück. Was war das Wichtigste, was Ihnen in Erinnerung bleibt?

Aus meiner Sicht war das erste Halb­jahr 2019 insgesamt betrachtet eher ruhig. Auf euro­päischer Ebene gab es ein paar Restrukturie­rungen inner­halb der Fonds­paletten einiger Anbieter, die in der Folge zu grösseren Mittel­bewe­gungen geführt haben. Hinzu kommen einige Über­nahmen, die aus meiner Sicht aber auch unter dem Begriff «Business as usual» fallen.

Als Marktbeobachter waren die Skandale bei GAM und bei Woodford in diesem Jahr bisher sicherlich die beiden wichtigsten Events in der euro­päischen Fonds­industrie, denn beide Skandale haben, zumindest vorerst, dazu geführt, dass Fonds­selek­toren wie aber auch Regu­latoren einige Praktiken der Fonds­manager kritischer hinter­fragen und gewisse Praktiken im Portfolio­management nicht (mehr) akzep­tieren. Dies kann dann gegeben­falls auch dazu führen, das die Anleger massiv Mittel aus den entsprechenden Fonds abziehen.

Auf wie viele Fondsgesellschaften werfen Sie eigentlich ein Auge?

Wir haben Daten zu mehr als 300.000 Produkten in unserer globalen Daten­bank, die von mehreren Tausend Fonds­gesell­schaften ange­boten werden. Allerdings wird eine Vielzahl von Fonds nicht direkt von dem Anbieter gemanagt und somit müsste man bei einer solchen Auflistung dann auch noch die jewei­ligen Investment­berater der Fonds berück­sichtigen, um einen Über­blick darüber zu erhalten, wieviel Fonds­anbieter es wirklich gibt. Da die Anzahl der Anbieter in diesem Sinne von der jewei­ligen Defi­nition abhängt, kann ich hier keine Zahl nennen.

Gibt es grosse Adressen - ohne Namen zu nennen - die wesentlich besser sind als ihre bekannten Wettbewerber?

Da jeder Fondsanbieter bei der Auswahl der Wert­papiere für seine Fonds andere Kriterien ansetzt, kommt es immer wieder zu grösseren Unter­schieden bei der Betrachtung der durch­schnitt­lichen Wert­ent­wicklung aller Produkte der einzelnen Anbieter. Hierbei muss man jedoch unter­scheiden, ob eine vermeintlich schlechte Wert­ent­wicklung durch den Anlage­stil verursacht wurde oder ob diese tatsächlich das Ergebnis schlechter Anlage­entschei­dungen ist. Kann das Ergebnis mit dem Anlagestil des jeweiligen Anbieters begründet werden, sollte sich das Ergebnis verändern, wenn sich das Makt­umfeld verändert. Dies ist auch der Grund, warum sich bei den «Lipper Fund Awards» in den meisten Fällen die Gewinner der Gruppen-Awards für die besten Anbieter von Jahr zu Jahr ändern.

Aus Sicht einer quali­tativen Bewertung ist es übrigens als positiv zu bewerten, wenn ein Fonds­anbieter auch bei nega­tiven Ergeb­nissen seinem Anlage­stil treu bleibt, da die Inves­toren so das Verhalten der entsprechenden Fonds besser einschätzen könnnen und die Fonds oftmals genau aus diesem Grund kaufen. Somit hängt die Beurteilung eines Anbieters mass­geblich von den gewählten Kriterien ab und kann nicht pauscha­lisiert werden.

Was zeichnet eine gute Fondsgesellschaft, mal abgesehen von der Grösse, sonst noch aus?

Die Grösse eines Anbieters ist aus unserer Sicht kein Qualitäts­merkmal und spielt somit bei der Beurteilung der Qualität der Produkte oder der Gesell­schaft keine Rolle. Eine gute Fonds­gesell­schaft zeichnet sich zum Beispiel dadurch aus, dass die Mehr­zahl der von ihr verwal­teten Produkte eine über­durch­schnitt­liche Wert­ent­wicklung aufweist. Dies zu erreichen, ist für eine grosse Gesell­schaft, die viele Investment­fonds anbietet, schwieriger als für einen kleinen Anbieter, der sich eventuell sogar noch auf ein spezielles Thema wie zum Beispiel Multi-Asset spezia­lisiert hat. Dement­sprechend muss man die Gesell­schaften für eine faire Betrachtung ihrer Grösse entsprechend in verschie­dene Vergleichs­gruppen einteilen und dabei auch die einzelnen Anlage­klassen berück­sichtigen.

Die «Lipper Fund Awards» zeigen, wie eine solche Einteilung in der Praxis aussehen kann. Bei dieser Auszeichnung werden die Anbieter jeweils für die einzelnen Anlage­klassen (Aktien, festver­zins­liche Wert­papiere und Multi-Asset) sowie über alle Anlage­klassen hinweg in kleine und grosse Anbieter einge­teilt. Die Einteilung erfolgt auf Basis der verwal­teten Vermögen und der Anzahl der in den einzelnen Anlage­klassen angebo­tenen Fonds.

Will man noch qualitative Merkmale in die Bewertung miteinbe­ziehen, müssen die Portfolio­mana­gement­prozesse bei den jewei­ligen Anbietern mitberück­sichtigt werden. Hierbei sollte der Fokus dann auf der Unab­hängig­keit des Risiko­mana­gements und Replizier­barkeit der Anlage­entschei­dungen liegen. Mit diesen Betrach­tungen kann sicher­gestellt werden, dass die erzielten Ergeb­nisse nicht auf Glück basieren, sondern auch in der Zukunft wieder­holt werden können. Insge­samt ist dann auch noch darauf zu achten, dass alle einzelnen Prozesse im Portfolio­mana­gement nahtlos ineinander­greifen.

Sie sind schon sehr lange im Geschäft: Was war die auffallendste Veränderung im Markt in den letzten paar Jahren?

Aus meiner Sicht sind der Trend in Richtung Multi-Asset sowie der Erfolg von passiven Anlage­produkten die auffäligsten Verände­rungen in der euro­päischen Fonds­industrie, da beide Trends von den Anlage­entschei­dungen der Inves­toren und nicht von der Industrie angetrieben werden.

Die Nachfrage nach Multi-Asset-Produkten wird durch das Niedrig­zins­umfeld angetrieben, da die Investoren zur Erreichung ihrer Anlage­ziele nach Produkten suchen, die ihnen höhere Renditen als fest­verzins­liche Wert­papiere mit einem niedri­geren Risiko als Aktien bieten. Hierbei kommen vermehrt auch alter­native Anlage­strategien zum Einsatz.

In diesem Zusammenhang ist es auch interessant zu beobachten, wie sich das Verhalten der Anleger verändert hat. Während viele Inves­toren es in der Vergangen­heit toleriert haben, wenn ein Fonds in einem Markt­umfeld nicht so funktioniert hat wie sie es erwartet haben, werden, insbe­sondere im Bereich der alter­nativen Strategien, heutzu­tage Fonds, welche die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen, sehr schnell wieder verkauft.

Der Trend in Richtung der passiven Anlage­produkte wurde unter anderem dadurch ausgelöst, dass viele Anleger von den Ergeb­nissen der von ihnen gewählten aktiv gema­nagten Fonds enttäuscht waren und nach Anlage­alter­nativen gesucht haben. Da es diverse wissen­schaft­liche Studien gibt, die belegen, dass passive Anlage­instru­mente in vielen Anlage­segmenten der Mehr­zahl der aktiven Produkte hinsichtlich der Wertent­wicklung über­legen sind, ist es nicht verwun­derlich, dass viele der enttäuschten Inves­toren in der Folge zu passiven Produkten greifen. Hinzu kommt sicherlich auch, dass die Branche es den Anlegern mit inno­vativen Produkten ermöglicht, ihre Markt­meinungen sehr exakt umzusetzen.

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Zur Person

Detlef Glow, MBA (UoW), begann im Jahr 2005 als Leiter der Fonds­analyse für Deutschland und Österreich bei Lipper at Refinitiv. Anfang 2007 über­nahm er die Leitung für die Regionen Zentral-, Nord- und Ost­europa. Seit Oktober 2010 ist Glow Leiter der Fonds­analyse von Lipper in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA). Zuvor war er als Direktor Portfolio­mana­gement bei der Feri Wealth Mana­gement GmbH in Bad Homburg als Portfolio­manager für vermö­gende Privat­kunden tätig. Seine Karriere begann Detlef Glow neun Jahre zuvor bei der tecis Holding AG in Hamburg, wo er zuletzt als Leiter der Fonds­analyse sowohl für das quanti­tative als auch das quali­tative Fonds­research der tecis Asset Mana­gement AG verant­wortlich war.