Fundspec > Deutschland > Interviews > «Künstliche Intelligenz an den Finanzmärkten in mehr als nur einem Schlagwort!»

«Künstliche Intelligenz an den Finanzmärkten in mehr als nur einem Schlagwort!»

Andrea Nardon
Andrea Nardon
Partner, Head of Quant
Sarasin & Partners LLP, London sarasinandpartners.com

13. November 2019

Herr Nardon, was macht Ihr Unternehmen genau?

Sarasin ist ein in London ansässiger Vermögens­ver­walter, der Anlage­lösungen für Privat­kunden, Wohltätig­keits­orga­nisa­tionen und insti­tutio­nelle Kunden anbietet. Die DNA der Firma basiert auf «Global Thematic Equities», aber im Laufe der Jahre haben wir Exper­tise in anderen Bereichen aufge­baut, einschliesslich Quant-Lösungen.

Wie sieht ein Tagesablauf von Ihnen aus?

Der Komfort des Alltags ist längst weg! Jeder Tag ist anders. Generell ist meine Zeit aufge­teilt in die Erforschung neuer Strategien und Handels­signale, den Aufbau neuer Port­folio­konstruk­tions­modelle und natürlich das Mana­gement von Strategien. In diesem Jahr habe ich auch viel Zeit auf Reisen verbracht, um unsere Forschungen und Erkennt­nisse vor Kunden und auf Konfe­renzen zu präsen­tieren, insbe­sondere zu «Machine Learning» und Künst­liche Intel­ligenz hier in Europa, aber auch in Amerika und Asien.

Was fasziniert Sie ganz besonders an Ihrem Job?

Die Herausforderung! In Finanz­märkte zu inves­tieren ist wie ein Wett­kampf in einem Sport. Sie müssen in der Lage sein, den Stress des Marktes zu absor­bieren, und Sie müssen ständig daran arbeiten, einen Vorsprung aufzubauen, um den anderen voraus zu sein. Es ist sehr heraus­fordernd, so wie damals, als ich in jungen Jahren in den italie­nischen Alpen wettei­ferte!

Auf den Punkt gebracht: Ist Künstliche Intelligenz mehr als ein Schlagwort?

Ja, es ist mehr als ein einprägsames Schlag­wort und auf den Punkt gebracht: ich glaube nicht, dass wir jemals ohne sie leben können. Die Künst­liche Intel­ligenz dringt immer mehr in unser tägliches Leben ein, da sie einen Mehr­wert für unser Handeln darstellt. Bei einem über­mässigen Einsatz von Künst­licher Intel­ligenz gibt es jedoch neue Risiken und Konse­quenzen, von denen ich nicht sicher bin, ob sie so gut sind. Eine der grossen Risiken, die ich sehe, ist, dass wir uns auf ein komfor­tab­leres Leben einstellen und was ist dann die Notwen­dig­keit, etwas zu lernen, wenn man Google bitten kann, uns die Antwort zu geben, oder was ist der Punkt, um zu lernen, wie man ein Auto fährt, wenn Autos natürlich alleine fahren werden.

Wie lässt sich dies auf die Finanz­industrie über­tragen?

Die Finanz­industrie hat gerade erst begonnen, ein höheres Techno­logie-Niveau einzu­führen, und es bedarf keiner Doktor­arbeit, um zu sehen, dass die Künst­liche Intel­ligenz einen Beitrag zur Industrie leisten kann, aber man muss realistisch sein, was die Erwar­tungen betrifft. Künst­liche-Intel­ligenz-Modelle sind in der Lage, sehr kompli­zierte Probleme zu lösen, daher sind sie mächtig, aber all diese schwie­rigen Probleme wurden gelöst, weil es eine Lösung gab. Ein Objekt aus einem Bild zu klassi­fizieren, einen Schrift­steller aus einem Drehbuch zu erkennen, eine Krank­heit aus einem Scan zu erkennen, ist nicht so, als würde man eine gute von einer schlechten Inves­tition unter­scheiden. Daher bin ich opti­mistisch in dem Sinne, dass ich glaube, dass Künst­liche Intel­ligenz zunehmend eine grosse Rolle an den Finanz­märkten spielen wird, aber nicht unbedingt in Bereichen wie der Aktien­auswahl, sondern vielmehr in der Port­folio­kons­truktion, um in der Nähe von Inves­ti­tionen zu bleiben, aber vor allem wird Künst­liche Intel­ligenz das Marketing, das Reporting und die meisten unserer Back­office-Tätig­keiten effi­zienter und effek­tiver machen.

Link zum Disclaimer

Zur Person

Andrea Nardon ist seit über 20 Jahren als Quant Portfolio Manager und Researcher tätig. Er studierte Wirt­schafts­wissen­schaften an der Uni­ver­sität von Venedig, wo er über ein Jahr an der Fakultät für Mathe­matik mit Schwer­punkt auf Anwen­dungen von neuro­nalen Netzen und «Neuro Fuzzy Logic» für Finanz­zeit­reihen arbei­tete. Nardon leitet derzeit mehrere Projekte zu «Arti­ficial Intelli­gence» (Künst­liche Intel­ligenz) und «Machine Learning» (Maschi­nelles Lernen). Zudem kodiert er in mehreren Program­mier­sprachen.