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Fondskosten rücken beim Morningstar Analyst Rating noch mehr in den Vordergrund

Ali Masarwah
Ali Masarwah
Chefredakteur
Morningstar Deutschland GmbH, Frankfurt morningstar.de

9. August 2019

Herr Masarwah, Morningstar gilt in Sachen Fondsanalyse als ein weltweiter Vorreiter. Wie viele Gesellschaften und Fonds haben Sie eigentlich auf dem Radar?

Das freut mich, dass Sie uns so loben. Aber ich gebe gerne zu, dass unsere Fonds­daten­bank sehr gut bestückt ist mit Infor­ma­tionen über Fonds­produ­zenten und ihren Produkten, was Fonds-Ana­lysen manchmal zu einer Sisyphos-Arbeit ausarten lässt. Welt­weit haben wir gut 6.400 Anbieter in der Daten­bank mit weit über 200.000 Fonds. Die Zahl ist gigan­to­manisch gross, aber man sollte sich nicht verrückt machen lassen, sondern sich aufs Wesent­liche beschränken.

Das wäre?

Kommt darauf an, was man analy­sieren will. Wenn ich den Fonds­markt aus vertrieb­licher Sicht anschauen möchte, dann könnte ich natürlich die Daten­bank anschmeissen und Daten zu Zehntau­senden Fonds expor­tieren, die in Deutschland zum Vertrieb zuge­lassen sind. Aber sinn­voller ist es, inne zu halten und zu über­legen, was wirklich für den Markt relevant ist. So ist es hilf­reich zu wissen, dass der Fonds-Vertrieb zu rund drei Vierteln vom Spar­kassen- und Genossen­schafts­sektor gestemmt wird. Entsprechend gross ist die Markt­macht der Deka und Union Investment. Dann gibt es noch ein paar Hände voll von auslän­dischen Playern, die Fidelitys und Templetons und Carmignacs dieser Welt, und leider nur eine Hand voll deutsche Vermö­gens­ver­walter, Stich­wort: DJE und Flossbach von Storch, und: presto: Sie haben den Fonds­markt im Wesent­lichen erfasst. Online-Banken und Vermö­gens­berater wie die DVAG sollte man natürlich nicht vernach­lässigen, aber insgesamt ist der Markt doch über­schaubar. In der Schweiz wird der Markt wird von der UBS und der Credit Suisse dominiert, und auch Häuser wie Julius Bär, Swisscanto oder Pictet sind prominent vertreten. Vermö­gens­ver­walter spielen in der Schweiz eine besondere Rolle, aber dieser Markt ist sehr klein­teilig und bestimmt nicht die grossen Trends am Fonds­markt. Zurück zu Deutschland: Man kann im zweiten Schritt konkret auf Fonds hinweisen, die typischer­weise nicht im Depot von Spar­kassen- oder Genossen­schafts­banken landen, aber vorher muss man wissen, wie der Markt tickt. Das basiert auf Erfah­rungen und Markt­intel­ligenz.

Das klingt so, als wäre die Sache ganz einfach, aber Sie haben doch auch den europäischen Markt im Blick?

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, aber auch für Europa gilt das Motto: Das Rele­vante kommt zuerst! Darf ich dazu ein Beispiel geben?

Wir bitten darum!

Der europäische Markt ist in gut 30 verschie­dene nationale Jurisdik­tionen aufge­teilt mit Tausenden von Gesell­schaften und Zehn­tausenden von Fonds. Da wäre es doch für Anleger in Deutschland oder der Schweiz wichtig zu erfahren, wer die besten Fonds hat und wer wo welche Stärken hat. Mit einem recht einfachen quanti­tativen Screening können wir sehr viel über die Qualität dieser Akteure sagen. Das Morningstar-Sterne-Rating wird nach einheit­lichen, euro­päischen Kriterien vergeben und ermöglicht es nicht nur, einzelne Produkte in einzelnen Ländern zu bewerten, sondern man kann pan-euro­päisch vorgehen und die Verteilung der Sterne-Ratings anhand der verschie­denen Anbieter in Europa messen, und dann kommt man relativ schnell zu einem Urteil, wessen Fonds die beste risiko-adjus­tierte Rendite haben.

Und das sind?

Bei grossen Häusern dominieren regelmässig Anbieter wie PIMCO, Fidelity, J.P. Morgan, BlackRock oder UBS; bei ETF-Anbietern hat BNP Paribas aktuell die Nase vorn, dicht gefolgt von Vanguard. Wirklich spannend wird es übrigens bei den kleinen Anbietern. Schon seit Jahren wissen wir dank unserer Rating-Ana­lyse, dass die Londoner Boutique Fundsmith exzel­lente Fonds hat. Seit zwei Jahren ist Fundsmith auch in Konti­nental­europa vertreten. Wir konnten recht früh auf diesen Anbieter exzel­lenter Fonds hinweisen, weil wir den pan-euro­päischen Markt im Blick haben. Das alles kann man nachlesen in der Morningstar-Rating-Ana­lyse, die jedes Quartal heraus­kommt und die auf morningstar.de sowie auf morningstar.ch veröffent­licht wird und frei verfügbar ist.

Wie stabil sind Ihre Bewertungen der Anbieter?

Die sind erstaunlich stabil. Natürlich gibt es eine Fluktuation, vor allem bei den kleinen Anbietern, aber insgesamt sind die Sterne-Ratings bei Fonds, die lange am Markt sind, recht träge. Die die Ratings berück­sichtigen eine Fonds­historie von bis zu zehn Jahren. Anbieter, die ihre Produkt­palette nachhaltig bewirt­schaften und eine gute Fonds-Qualität aufweisen können, sind da im Vorteil.

Aber Sie haben auch ein qualitatives Rating, das Ihre Fondsanalysten händisch herstellen.

Ja, gut, dass Sie das ansprechen: Unser Morningstar Analyst Rating, das in Europa schon seit gut neun Jahren am Markt ist, hat sich inzwischen etabliert, wenn es darum geht, Fonds quali­tativ zu beurteilen. In den kommenden Monaten werden wir das System etwas neu kali­brieren. Es wird einer­seits etwas verein­facht und umfasst dann nicht mehr fünf Säulen, die sich die Ana­lysten anschauen, sondern nur noch drei. Dafür wird die Bedeutung der Fonds­kosten stärker hervor­gehoben.

Was wird die Umstellung Ihrer Ratings für Folgen haben?

Die Folgen werden für die Anbieter teurer Fonds unschön sein. Bisher war es so, dass wir im Analyst Rating eine Tranche als mass­geblich identi­fiziert haben und das Rating aller Tranchen identisch ausfiel. Ab diesem Herbst stellen wird das System auf ein Rating nach Fonds­tranchen um. Weil den Kosten künftig eine noch grössere Bedeutung zuge­messen wird, kann es sein, dass die insti­tutio­nellen Tranchen eines Fonds ein positives Medaillen-Rating haben werden, also mit Bronze, Silber oder Gold bewertet sein werden, die Retail-Tranchen können bei hohen Kosten dagegen auf «Neutral» abfallen.

Warum sind Sie so fixiert auf die Fondskosten?

Aus einem einfachen Grund. Günstige Fonds sind besser als teure Fonds. Alle Studien, egal, ob sie von der Wissen­schaft kommen oder auf empi­rischen Erkennt­nissen von Beobachtern und Praktikern wie uns fussen, ermitteln regel­mässig, dass die Kosten von Fonds der entschei­dende Faktor sind, wenn es um die Frage geht, welche Fonds erfolg­reich sein werden. Da sind ETFs oft im Vorteil, aber wenn aktiv verwal­tete Fonds günstig sind, haben auch sie eine gute Perfor­mance-Prognose und können durchaus Indizes bzw. Index­fonds über­treffen. Dadurch, dass wir die Kosten in den Fokus nehmen, wollen wir Anleger dazu bewegen, auf die wirklich wichtigen Aspekte des erfolg­reichen Inves­tierens zu stossen.

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Zur Person

Ali Masarwah ist Mitglied im euro­päischen Research-Team von Morningstar und als Chef­redakteur für die deutsch­sprachigen Web­sites von Morningstar verant­wortlich. Seit Juni 2015 ist er zudem als Direktor für das Editorial Team von Morningstar EMEA zuständig. Nach seinem Volon­tariat bei der Wirt­schafts­nachrichten­agentur ADX in Berlin fand er recht zügig den Zugang zum Thema Invest­ment­fonds. Im Jahr 2000 wurde er Mitglied der Fonds­redaktion bei der Nach­richten­agentur vwd, die er von 2001 bis 2003 leitete. 2003 wechselte Ali Masarwah zur portfolio Verlags­gesell­schaft, Frankfurt, wo er zunächst als Chef­redakteur das Magazin «portfolio inter­national» übernahm. Von 2006 bis zu seinem Wechsel zu Morningstar im Herbst 2011 hatte er zusätzlich als Redaktions­leiter die journa­listische Verant­wortung für alle Magazine und Web­sites des Verlags inne.