Fundspec > Deutschland > Interviews > Folgt der Zinslosigkeit die Ratlosigkeit?

Folgt der Zinslosigkeit die Ratlosigkeit?

Ulrich Voss
Ulrich Voss
Leiter Kapitalmarkt
TRESONO Family Office AG, Köln tresono.de

23. August 2019

Herr Voss, wie sehen Sie die aktuelle Situation an den Märkten?

Das aktuelle Jahr verlief im ersten Halb­jahr ähnlich wie 2018. Während das Jahr 2018 mit einem Super­start und voller Sorglo­sig­keit startete, war das erste Halb­jahr 2019 bestimmt durch weiterhin offene Noten­bank­schleusen und diverse Zins­sen­kungen. Derzeit gibt es aber viele Stör­fak­toren, allen voran die Auseinander­setzung im Handels- und eventuell auch Währungs­krieg zwischen den USA und der aufstre­benden Welt­macht China. Ebenso sind auch die Probleme in der Euro­zone mit dem unbe­rechen­baren «Sprengsatz» Italien, der für das Ende der Euro­zone in der heutigen Form sorgen könnte, weiterhin virulent. Dazu kommen Nega­tiv­zinsen, grosse tekto­nische Bewe­gungen im poli­tischen Bereich durch extre­mere Personen und Posi­tionen in verschie­denen Ländern. Ach ja, den Brexit nicht zu vergessen, der zumindest für die Export­nation Deutschland nach der Schwäche im Auto­mobil- und Anlagen­bau für weiteren Druck in der Konjunktur sorgen könnte.

Man könnte die Gesamtsituation mit einem einfachen Satz zusammen­fassen: Funda­mental­baisse trifft Liqui­ditäts­hausse. Bisher hat die Liqui­dität die Preise vieler Assets nach oben getrieben. Achtsam sollte man immer dann sein, wenn es einer Markt­bewegung an Breite fehlt, sondern diese von wenigen Titeln getrieben wird. Per Mitte Juli waren lediglich vier Werte für 95 Prozent der gesamten Markt­bewegung im S&P 500 (19 Prozent von 20 Prozent des Anstieges entfielen auf Microsoft, Amazon, Apple und Facebook) verant­wortlich. Während Aktien nicht billig erscheinen, sind insbe­son­dere Anleihen insge­samt sehr teuer. Die Aktionen der diversen Noten­banken haben ein Umfeld geschaffen, das durch die Form von Nega­tiv­zinsen in der Finanz­geschichte völlig unbe­kanntes Neuland bedeutet. Die lang­fris­tigen Folgen dürften nicht nur positiv sein. Die posi­tiven Aspekte haben die Markt­teil­nehmer sicherlich in Form steigender Anleihe­kurse, steigender Aktien- und Immo­bilien­preise geniessen können. Die Kehr­seite dieser Medaille sind sicherlich die deutlich kleineren Renditen in der Zukunft…

Wie kann ein Anleger dem begegnen?

Empfehlungen für unsere Mandaten sind neben einem hohen Fokus auf die Kosten bei der Anlage folgende:

Realwerte vor Nominal­werte, Fokus auf hohe Qualität und Fokus auf Liquidität.

Wir empfehlen unseren Mandanten aktuell eher auf den letzten Basis­punkt Rendite zu verzichten und dafür den Fokus auf die Risiken zu legen. Wenn eine 100-jährige öster­reichische Anleihe mit einer Rest­lauf­zeit von über 97 Jahren p.a. mit 0,7 Prozent rentiert und im Kurs bei über 200 notiert, dann sollte klar sein, dass der Anleger oder dessen Enkel mit dem Investment keine wirk­liche Freude haben dürfte - zumindest real nach Abzug der Inflation. Anleihen notieren in Summe auf dem niedrigsten Rendite­niveau der letzten 120 Jahre. Über 17 Billionen US-Dollar an ausstehenden Anleihen rentieren negativ, bei vielen Staats­anleihen muss man 20 Jahre oder länger anlegen, um nominal noch minimal positiv zu sein. Jüngst wurde ein 30-jährigen Bund erstmals in der Geschichte der Bundes­republik mit einer nega­tiven Rendite emittiert. Neu ist allerdings in Europa, das selbst High-Yield-Anleihen eine nega­tive Rendite aufweisen. Perver­tierte Welt! Die Anlage­klasse Anleihen findet eigentlich in ihrer ursprüng­lichen Form nicht mehr statt. Als Bestand­teil eines ausge­wogenen Portfolios als Ertrags­quelle fällt sie aus. Hier ist ein massives Umdenken erfor­derlich.

Ehemals defensive oder ausge­wogene Portfolios mit Anleihe­quoten von 40 bis 70 Prozent sind heute hoch­gradig gefährlich - zumindest, wenn man sein Vermögen lang­fristig «real» erhalten möchte. Daher empfehlen wir unseren Mandanten über­wiegend Real­werte im Gesamt­vermögen zu halten. Dies können neben guten Immo­bilien auch insbe­sondere Aktien von Unter­nehmen sein, die Produkte oder Dienst­leistungen anbieten, die essentiell sind. Da aber auch hier die Bäume nicht in den Himmel wachsen, ist die Auswahl schwieriger denn je. Viele Wachstums­werte sind mittler­weile ambi­tioniert bewertet. Unter­nehmen mit stabilen Geschäfts­modellen und daraus resul­tierend weniger erra­tischen Kurs­ver­läufen (soge­nannte «low-vol»-Aktien) notieren auf abso­luten Hochständen im Vergleich zu anderen Inves­titions­stilen. Der Unter­schied zwischen den Stilen «Value» und «Wachstum» ist so hoch wie seit Ende der 90er Jahr nicht mehr.

Daher empfehlen wir, aktuell vermehrt auf Manager zu schauen, die den Invest­ment­stil «Value» verfolgen. Dies mag lang­weilig sein und auch unsexy. In der Markt­geschichte zeigt sich jedoch, dass es sich lohnen kann, manchmal lieber zu früh das Pferd zu wechseln, als einen weit fort­geschrittenen Trend weiter «zu reiten». Dies erfordert allerdings Mut und Unab­hängig­keit im Denken.

Wie picken Sie diese Rosinen?

Zum einen haben wir als Team eine lang­jährige Erfahrung mit über 1.500 Meetings mit Fonds­managern aus verschie­denen Regionen und Asset­klassen. Zudem kennen wir viele gute Manager seit vielen Jahren. Gerade die Value-Manager hatten in den letzten Jahren eine sehr schwere Zeit. Nach Ende der Finanz­krise mit Beginn des Noten­bank-QE-Feuer­werks haben Wachstums­werte und schlech­tere Qualitäts­titel massiv von Ausweitung der KGVs und niedrigen Refi­nanzie­rungs­zinsen profitiert. Bei der Auswahl von Einzel­titeln und Fonds würden wir verstärkt auf gute Bilanzen und liquide Strategien setzen.

Wie schätzen Sie die Entwicklung an den Märkten in den kommenden Monaten ein?

Die letzten Monate haben gezeigt, dass es bei einigen Fonds mit Anlagen in nicht liquiden Titeln zu massiven Problemen kam. Die Titel waren zum Teil nicht veräus­ser­bar oder die Preis­findung massiv beeinflusst. Mich erinnert das ein wenig an den August 2007 und den Sommer 2008. Damals gab es zwei Fonds einer grossen Invest­ment­bank mit jungen erfolg­reichen Managern und danach einen grossen Fonds, der im Bereich von Kredit­papieren angelegt hat. Diese Fonds wurden damals liquidiert bzw. waren eine Zeit nicht handel­bar, da die enthal­tenen Wert­papiere nicht ausreichend liquide waren bzw. zu grosse Posi­tionen einge­gangen worden waren. Ähnliches galt auch für soge­nannte «offene Immo­bilien­fonds» in Deutschland, die damals weithin als gut rentier­licher Geld­markt­ersatz gesehen wurden. Massive Zuflüsse haben die Manager gezwungen, immer weitere Investments einzu­gehen, die dann im Zuge der Immo­bilien­krise nicht mehr ange­messen veräussert werden konnten. Anleger sollten sich bewusst sein, dass, wenn die im Produkt inves­tierten Werte eine andere Liqui­dität ausweisen als der ETF oder das Fonds­produkt selbst, es immer zu Risiken führen kann. Die Trends der letzten Jahre mit passiven Anlagen und stärkerer Auto­mati­sierung sowie Konzen­tration in weniger Titel hat dieses poten­zielle Problem noch weiter verstärkt. Erhöhtes Risiko­bewusst­sein ist also angebracht.

Was würden Sie Anlegern raten?

Mit Blick auf die zu erwartenden grösseren Markt­bewe­gungen wird eine flexible und aktiv posi­tio­nierte Aktien­anlage mit dem Fokus auf Markt- und Unter­neh­mens­risiken in den kommenden Monaten voraus­sichtlich einen deutlichen Mehr­wert gegen­über passiven Invest­ments erreichen können. In einem vola­ti­leren Markt ist es sicher­lich wichtig, Risiken auch zwischen­zeitlich abzu­sichern. Es ist unserer Ansicht nach das anspruchs­vollste Anlage­umfeld der Nach­kriegs­zeit. Unseren Mandaten empfehlen wir daher auch weiterhin Anlagen abseits des Kapital­marktes, wie zum Beispiel ausge­wählte Mezzanine-Investments.

Link zum Disclaimer

Zur Person

Ulrich Voss ist seit Mai 2017 bei der TRESONO und leitet den Bereich Kapital­markt. Seine Schwer­punkte liegen in den Bereichen Asset-Allo­kation, Manager-Selektion, Controlling und Einzel­titel­auswahl. Er studierte Inter­natio­nales Finanz­mana­gement im In- und Ausland und verfasste seine Abschluss­arbeit über den Einsatz von Hedge­fonds-Strategien in Versi­cherungs­port­folios. Nach dem Studium arbei­tete Ulrich Voss fünf Jahre bei der Flossbach von Storch AG in Köln und war dort in den Bereichen Asset Mana­gement und Family Office tätig. 2009 wechselte er zu einer deutschen Unter­nehmer­familie nach Düsseldorf, um dort das Family Office mit aufzu­bauen und sich um die Verwaltung des liquiden Vermögens zu kümmern. Unab­hän­giges Denken und Handeln und der Fokus auf realen Wert­er­halt prägen seine Arbeit.