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«Die Welle von Liquidität hat alle Boote nach oben gespült»

Patrick Picenoni
Patrick Picenoni
Altrafin / Portfoliomanager
CONREN Fonds, Zürich conrenfonds.com

10. April 2019

Herr Picenoni, wie sieht die aktuelle Börsenlage aus?

So stark die Korrektur im 4. Quartal 2018 ausge­fallen ist, so markant war bzw. ist nun die tech­nische Aufwärts­reaktion. Die Gründe für diese Erholung sind bekannt. Aber wie geht es nun weiter? Was ist bereits in den Kursen eskomptiert?

Wir denken, dass nach dem 180-Grad-Schwenker der Noten­banken… und allen voran der US-Fed, das «Goldi­locks-Makro­umfeld» für alle Vermö­gens­klassen länger fort­bestehen kann - wenn auch mit sinkendem Momentum. Zentral­banken stehen nun, im Gegen­satz zum letzten Jahr, wiederum an der Seite von Aktien­märkten.

Dennoch ist eine Konso­lidierung der Aktien­kurse in den Sommer hinein, nach der bisherigen Erholung, wahrscheinlich. Die Markt­erwar­tungen sind zu opti­mistisch und Bewer­tungen, vor allem in den USA (aufgrund steigender Aktien­kurse und aufgrund von teilweise erheb­lichen Revi­sionen der Gewinner­wartungen), zu hoch. In den USA werden aktuell 4 bis 5 Prozent Gewinn­wachstum in 2019 und über 10 Prozent in 2020 erwartet. Auch der Bond­markt glaubt nicht an eine nahtlose Rückkehr zum hohen Wirt­schafts­wachstum; im Gegenteil.

Im Fall einer Korrektur ist allerdings eine zeit­nahe Erholung wahr­scheinlich. Denn das globale Makro-Bild ist insgesamt betrachtet nach wie vor positiv. Auch wenn sich das US-Wachstum von hohem Niveau abschwächt und das extreme Wachstum von Unter­nehmens­gewinnen und -margen sein Hoch in diesem Zyklus wohl bereits gesehen hat.

Aktien: einige Märkte nähern sich den 2018-Hochs. Die USA und hier allen voran Tech-Aktien sind nach wie vor Markt-Leader. Defensi­vere Werte profi­tieren in den ersten Monaten des Jahres von einem wieder niedri­geren Zins­niveau. Small Caps haben sich dagegen in den letzten Monaten unter­durch­schnittlich entwickelt.

Ergo: Wir erleben einen kräftigen Rebound. Angesicht der ange­spannten Lage (extrem langer Zyklus, sich abschwächende Wirt­schaft, sehr hohe Unter­nehmens­verschuldung - u.a. in den USA und in China, poli­tische Risiken, etc.) müssen wir aber weiterhin vorsichtig agieren. Dennoch nutzen wir im Rahmen unseres lang­fris­tigen Abso­lute-Return-Ansatzes opportu­nistisch das aktuelle Momentum steigender Kurse. Gleich­zeitig bereiten wir uns aber bereits auf fallende Kurse vor - wir können in den «CONREN Fonds» zum Beispiel über Deri­vate schnell und effizient die Invest­ment­quote herunter­fahren.

Sehen Sie global irgendwo herausragende Chancen für Anleger?

Der aktuelle Zyklus ist recht weit vorange­schritten - hat gar eine Rekord­länge. Das gilt für die Wirtschaft genauso wie für Aktien- und Renten­märkte. In dieser späten Markt­phase zählt das Sentiment und Momentum oft mehr als die nackten Zahlen. Dazu kommt die Welle von Liqui­dität, die alle Bote nach oben gespült hat. In dieser Phase muss man Geduld haben und auf gute Möglich­keiten mit kalku­lier­baren Risiken warten können. Solche Chancen können sich dann aber rasch ergeben, sodass man sehr schnell zugreifen muss. Ein Beispiel ist der Brexit. Exakte Wahrschein­lich­keiten abzu­leiten sind in dieser Gemenge­lage schwierig bis unmöglich. Daher müssen wir genau beobachten und sehr flexibel sein - wie schon am Tag der Brexit-Abstimmung im Juni 2016, bei der wir proaktiv in attrak­tive Aktien von in Gross­britannien ansässigen, globalen Unter­nehmen investiert haben. Aber auch in den Schwellen­ländern sehen wir derzeit attrak­tive Anlage­möglich­keiten. Viele Märkte sind im Verhältnis zur west­lichen Welt günstiger bewertet, und die darunter­liegenden Volks­wirt­schaften und Unter­nehmen wachsen schneller.

Welchen Asset-Mix leiten Sie daraus ab?

Wir managen aktuell drei «CONREN Fonds»: den «CONREN Equity» (globaler Aktien­fonds mit aktiver Invest­ment­quote, Absi­cherung u.a. über Futures), den «CONREN Fortune» (ein ausge­wogenes Balanced-Mandat, eine in einen Fonds gegossene holis­tische Vermö­gens­verwaltung) und den «CONREN Fixed Income» (mit der Ziel­setzung Inflation plus 1 Prozent). Alle Fonds, sowie all unsere Mandate, folgen demselben Ansatz und Ideen­gebäude. In diesem Rahmen ist der «CONREN Fortune» als ausge­wogener Misch­fonds eine Zusammen­setzung der «Best Ideas» aus «CONREN Equity» und «CONREN Fixed Income». Aktuell haben wir im «CONREN Equity» eine Aktien­quote von knapp unter 80 Prozent und im «CONREN Fortune» (nach Hedging) knapp unter 60 Prozent. Wir haben also noch ein wenig Pulver trocken und würden bei einer erneuten Korrektur, die Bewer­tungen und Zukunfts­erwartung nach­haltig anpasst, die Quoten erheblich steigern. Wir profi­tieren in diesem Jahr, wie auch schon im letzten Jahr, von unserer Sektoren­allo­kation. Diese funktioniert gerade sehr gut und wird in der Vermö­gens­ver­anlagung oft unter­schätzt. Alle starren meist nur auf die Invest­ment­quoten.

Wie stellen Sie somit Ihre Fonds auf?

Aktuell heisst es erstmal, durch intelli­genten Branchen-Mix das Markt­momentum beim Eingehen nicht zu grosser Risiken zu nutzen. So agieren wir weiter mit Vorsicht, nehmen aber steigende Kurse mit. Gleich­zeitig haben wir immer einen Fuss auf der Bremse, für den Fall, dass Märkte wieder ins Nega­tive drehen. 2018 hat noch einmal eindrücklich gezeigt, wie anfällig Märkte in reifen Phasen des Börsen­zyklus sein können und wie schnell die Stimmung kippen kann. Hier werden wir mit Deri­vaten, zum Beispiel mit Futures-Verkäufen auf Aktien­indizes agieren, um gleich­zeitig die erheb­liche Erhöhung der Invest­ment­quoten sowie die Anpassung der Branchen­allo­kation vorzu­bereiten. Mittel- und lang­fristig sind wir nämlich opti­mistisch für Vermögens­klasse «Aktien».

Für welche Investoren kommen sie besonders in Frage?

Die Mehrheit unserer Investoren sind nach wie vor Familien­unter­nehmer/-innen sowie Family Offices, die allesamt eine lang­fristige Anlage­strategie verfolgen. Seit Öffnung unserer «CONREN Fonds» für Dritte ist nun ein diver­sifi­zierter Mix an Neuinves­toren dazu­ge­kommen. Dazu gehören Privat­inves­toren, Vermö­gens­verwalter, insti­tutio­nelle Inves­toren und Stif­tungen. Unsere Anlage­strategie eignet sich für Inves­toren, die einer­seits einen lang­fris­tigen Anlage­horizont haben, sich nicht von kurz­fristig ausge­richtetem Bench­mark-Denken leiten lassen und für die ein aktives Risiko­mana­gement wichtig ist.

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Zur Person

Patrick Picenoni hat einen Master in Business Admi­nistration (MBA) der Univer­sität St. Gallen (lic. oec. HSG). Nach seinem Studium arbei­tete er als Invest­ment­berater und Port­folio Manager bei der Bank Morgan Stanley in New York, London und Zürich. Vor der Gründung von Altrafin im Jahr 2001 war Picenoni Senior Investment Manager im Family Invest­ment Office der Beisheim Holding GmbH in Baar.