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«Die angewandte Quantforschung ist seit der Studienzeit meine Passion»

Andrea Nardon
Andrea Nardon
Partner, Head of Quant
Sarasin & Partners LLP, London sarasinandpartners.com

31. Januar 2019

Herr Nardon, Sie sind ein weit über Grossbritannien hinaus bekannter Quant-Spezialist. Wie haben Sie sich diesen Ruf erschaffen?

Gerne fasse ich dies als Kompliment auf!

Die angewandte Quantforschung ist seit der Studien­zeit meine Passion und um erfolg­reich zu sein, muss man sich konti­nuierlich weiter­entwickeln. Die Annahmen in den von uns verwen­deten Modellen müssen ständig hinter­fragt werden, da sich die Welt leider nicht so verhält, wie es oft in öko­no­mischen Büchern gelehrt wird. Der Erfolg kann auf verschie­dene Weise gemessen werden. Wenn ich am Jahres­ende auf die vergan­genen zwölf Monate zurück­blicke, ana­lysiere ich, wie ich mich in Bezug auf Perfor­mance und neue Strategien entwickelt habe und strebe an, im kommenden Jahr positiv darüber hinaus zu wachsen.

Was für Dienstleistungen bietet Ihr Haus an?

Sarasin & Partners ist ein Invest­ment­manager. Daher bieten wir eine Vielzahl von Anlage­lösungen für unsere Kunden an. Ich bin stolz, Teil dieser Familie zu sein, mit einer starken Leiden­schaft für Evo­lution und Techno­logie, die unsere Arbeits­weise immer schneller verändert. Im quanti­ta­tiven Bereich haben wir bisher vorwiegend Lösungen in Aktien ange­boten. Darüber hinaus werden künftig auch andere Anlage­klassen offeriert werden, und ich erwarte, dass wir den Markt schon sehr bald mit neuen und ori­gi­nellen Produkten begeistern können.

Und wer sind Ihre Kunden?

Als Unternehmen konzentrieren wir uns auf Wohl­tätig­keits­orga­nisa­tionen, sehr vermö­gende Privat­kunden (UHNWI) und insti­tutio­nelle Anleger in Gross­bri­tannien und im Ausland. Die Quant-Investment-Einheit von Sarasin fokussiert sich vor allem auf insti­tutio­nelle Kunden. In den letzten Jahren hat unser Team mit einigen der grössten Vermö­gens­inhaber der Welt zusammen­gear­beitet. Viele der neuen Produkt­ideen wurden durch diese Inves­toren inspiriert. Unsere quanti­ta­tiven Anlage­lösungen sind in der Regel sehr technisch sowie massge­schneidert und passen daher gut zu den Anfor­derungen vieler insti­tutio­neller Inves­toren. In Zukunft erwarten wir die Akzeptanz von Smart-Beta-Lösungen auch von den Privat­kunden, jedoch haben wir dies bisher nicht gesehen.

Das Thema «Factor Investing» ist ein grosser Trend. Es gibt unzählige Fonds und ETFs dafür. Können Sie ein paar Worte zu dieser komplexen Materie sagen?

Es ist eigentlich einfacher als es klingt. Markt­kapi­tali­sierung hat die Szene eindeutig dominiert, aber dies wird sich wahr­scheinlich bald ändern. Um dies zu sehen, müssen wir einen Schritt zurück­treten und verstehen, weshalb passive Anlagen erfolg­reich sind. Die Antwort liegt in einem spezi­fischen Merkmal des Aktien­marktes, der Asymmetrie von Renditen, was bedeutet, dass jedes Jahr, in fast jedem einzelnen Aktien­index, eine kleine Teil­menge von Gewinnern vorhanden ist, die die Markt­ent­wicklung beeinflusst. Wenn wir also wissen, dass ein kleiner Teil die Index­rendite beeinflusst, aber wir wissen nicht, wer die Gewinner sein werden, habe ich dann mehr oder weniger Chancen, den Markt mit einem konzen­trierten Portfolio zu über­treffen? Definitiv geringere Chancen, es sei denn, ich weiss etwas, das andere Anleger nicht wissen. Der Vorteil von passiv ist somit die grössere Diversifikation. Denn es ist Tatsache, dass man beim Kauf von einer Vielzahl von Aktien stärker diver­sifiziert ist als bei einem aktiven Produkt. Passiv beinhaltet aber auch ein weiteres Merkmal, nämlich die Gewichtung der Markt­kapi­tali­sierung. Es gibt keine Belege dafür, dass Unter­nehmen mit einer grösseren Markt­kapi­tali­sierung in Zukunft besser abschneiden werden als andere. Dies ist der Haupt­grund für die Bedeutung von «Factor Investing». Anstatt Aktien auf Basis ihrer Markt­kapi­tali­sierung zuzu­teilen, ordnen wir eine Reihe von Faktoren zu, die sich in der Vergan­genheit als über­legen erwiesen haben. Dies sind die soge­nannten Risiko­prämien, d.h. Value, Quality, Momentum, Low Volatility und Small Cap.

Was gibt es sonst noch Spannendes in der «Quant-Welt»?

«Short term Tradingl»! Die Regulierungsbehörde hat mit MiFID die Markt­teil­nehmer gezwungen, jeden Handel unver­züglich zu veröffent­lichen. Der Markt ist transparent! Sie können sehen, was los ist und unge­wöhn­liche wieder­kehrende Muster erkennen. Dies ist ein Bereich, in dem Künst­liche Intel­ligenz an grosser Relevanz gewinnt, beispiels­weise mit ihrer nicht­linearen Model­lierungs­fähig­keiten Markt­strukturen zu beobachten und unge­wöhn­liche Verhaltens­weisen zu erkennen. Dies führt zu kurz­fris­tigen Trades, welche nicht notwendiger­weise im Hoch­frequenz­bereich liegen, jedoch eindeutig kurz­fristig sind. Dieser Bereich ist absolut faszi­nierend, und wir werden in den nächsten Jahren einen stärkeren Einsatz von quanti­tativen Spezia­listen sehen.

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Zur Person

Andrea Nardon ist seit über 20 Jahren als Quant Portfolio Manager und Researcher tätig. Er studierte Wirt­schafts­wissen­schaften an der Uni­ver­sität von Venedig, wo er über ein Jahr an der Fakultät für Mathe­matik mit Schwer­punkt auf Anwen­dungen von neuro­nalen Netzen und «Neuro Fuzzy Logic» für Finanz­zeit­reihen arbei­tete. Nardon leitet derzeit mehrere Projekte zu «Arti­ficial Intel­li­gence» (Künst­liche Intel­li­genz) und «Machine Learning». Zudem kodiert er in mehreren Programmier­sprachen.