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«Wir müssen nicht gegen die eigene Überzeugung handeln»

Dr. Daniel Koller
Dr. Daniel Koller
Head Investment Team
BB Biotech AG, Schaffhausen bbbiotech.ch

23. Oktober 2019

Herr Dr. Koller, was unterscheidet die Beteiligungs­gesellschaft von einem Investment-Fonds?

Als Beteiligungs­gesellschaft sind wir nicht den restrik­tiven Vorgaben offener Fonds unter­worfen. So inves­tieren euro­päische Anleger mit der BB-Biotech-Aktie in einen börsen­notierten geschlos­senen Aktien­fonds mit einem konzen­trierten Port­folio der aussichts­reichsten Bio­tech­unter­nehmen. Doch nicht nur bei der Port­folio­konstruktion sind wir flexibler als ein UCITS-Fonds, auch bei den Ausschüt­tungen haben wir mehr Gestaltungs­möglich­keiten. Dazu kommt: Bei Markt­korrek­turen werden wir nicht mit Rück­nahmen konfrontiert und müssen deshalb Posi­tionen nicht gegen die eigene Über­zeugung verkaufen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen Sie die Aktie von Ionis Pharma­ceuticals, heute führend im Bereich Anti­sense. Als wir 2010 zwei Prozent unserer Assets in das Unter­nehmen inves­tierten, hatte es kaum ein Investor auf dem Radar. Seither haben wir mit dem Titel eine Rendite von über 30 Prozent pro Jahr erzielt. Zum Ende des ersten Halb­jahrs 2019 hatte die Aktie im Port­folio etwas mehr als 13 Prozent Gewicht. Jeder UCITS-Fonds hätte die Position verkleinern müssen, aufgrund der Vorgabe von maximal zehn Prozent pro Titel. Wir dagegen folgen unseren seit über zwei Jahr­zehnten bewährten internen Anlage­richt­linien, beauf­sichtigt durch einen renom­mierten Verwal­tungs­rat. Wir haben kein Problem damit, wenn diese ausge­sprochen lukra­tive Position auf 14 oder 15 Prozent des Port­folios anwächst.

Welche Entwicklungsschritte hat BB Biotech bislang gemacht?

Ich denke, wir waren in Sachen Biotech­investments in Europa klar ein Vorreiter - und der frühe Start hat sich für unsere Aktionäre gelohnt. Auch bei unserem IPO Ende 1993 konnten wir schon viele Inves­toren über­zeugen. Damals haben wir 400 Mio. Schweizer Franken erhalten, das waren umge­rechnet 250 Mio. US-Dollar. Beim Börsen­gang 1997 in Deutschland kamen weitere 120 Mio. US-Dollar hinzu, beim Listing in Italien im Jahr 2000 nochmals 160 Mio. US-Dollar.

Aber es gab auch schwere Zeiten für Biotech­investoren?

Nach dem IPO im Jahr 1993 bis 2001 zahlte sich die Anlage­strategie für unsere Aktio­näre aus. Dann machte uns der Markt einen Strich durch die Rechnung. Nach teil­weise heftigen Über­trei­bungen in der 2000er-Blase korri­gierte der Biotech­sektor und damit auch unsere Aktie, die in den folgenden Jahren unter den Buch­wert fiel. Danach folgte ein Auf und Ab, zwar getrieben durch eine starke Industrie­entwicklung, aber auch über­lagert durch die Finanz­krise von 2008 bis 2011, bevor im Jahr 2012 ein neuer wachstums­starker Zyklus begann. In diesem bewiesen wir, dass unser funda­mentaler, lang­fristig orien­tierter Investment­ansatz erfolg­reich funktioniert und dass wir in der Lage sind, ein konzen­triertes, von unseren Über­zeugungen geprägtes Bio­tech­portfolio erfolg­reich zu verwalten.

Wie haben Sie in der Krise agiert?

In den schwierigen 2000er-Jahren wurde BB Biotech nicht mehr wie vorher mit einer Prämie auf den Buch­wert gehandelt, sondern mit einem Abschlag. Einige Inves­toren wurden unge­duldig und als Gegen­mass­nahme haben wir damals begonnen, Aktien zurück­zukaufen. Auch das ist eine Möglich­keit, die ein Invest­ment­fonds nicht hat. Seit mehr als drei Jahren tätigen wir trotz offener Rück­kaufs­linie allerdings keine Rück­käufe mehr, denn BB Biotech wird heute wieder mit einer Prämie gehandelt. Ich finde, das ist eine schöne Bestä­tigung unseres Konzepts und zeigt das Vertrauen der Inves­toren in unser Können.

Im 3. Quartal verzeichneten die Gesundheits­märkte Verluste. Was waren die Gründe dafür?

Die Märkte wurden von politischen Faktoren beeinflusst. Der Nasdaq Bio­techno­logy Index büsste 8.6 Prozent in US-Dollar ein, der MSCI Health­care Index gab um 1.1 Prozent in US-Dollar nach. Der Biotech­sektor wurde besonders durch den US-Wahl­kampf belastet, der die Preis­gestaltung von Medi­kamenten thema­tisiert. Die Abflüsse aus Biotech­aktien hielten an, was teil­weise an der erhöhten Unsi­cher­heit im Vorfeld der Präsident­schafts­wahlen im nächsten Jahr liegt - ein Trend, der bereits vor den letzten Präsi­dent­schafts­wahlen zu beobachten war und damals im Sommer 2015 einsetzte. Diesem Trend wirken Mittel­zuflüsse in Spezial­fonds und Fonds von Bio­tech­inves­toren entgegen, die durch M&A-Trans­aktionen dem Sektor Kapital­zuflüsse bringen, die für die vielen Börsen­gänge und Kapitalerhöhungen innerhalb der Branche eingesetzt werden. Das aktive Einschreiten der US-Bundes­handels­kommission FTC bei unlängst geplanten M&A-Trans­aktionen hat das Anleger­vertrauen in den Biotech­sektor zusätzlich verringert.

Wie hat sich BB Biotech entwickelt?

Die Aktie von BB Biotech gab im 3. Quartal 2019 um 4.7 Prozent in Euro nach, während der Innere Wert des Port­folios (NAV) um 9.8 Prozent in Euro sank. Seit Jahres­beginn liegt die Perfor­mance der BB Biotech-Aktie immer noch im posi­tiven Bereich. Die Gesamt­rendite von 13.7 Prozent in Euro sowie der Anstieg des NAV von 8.8 Prozent in Euro spiegeln den starken Anstieg des 1. Quartals wider. Im 3. Quartal 2019 legten mehrere Port­folio­unter­nehmen solide Zweit­quartals­ergeb­nisse vor, darunter Neuro­crine und Alnylam. Andere Betei­ligungen, wie etwa Radius Health und G1 Thera­peutics, meldeten erfreu­liche Entwick­lungen bei Pipe­line­produkten. Wiederum andere Titel in unserem Portfolio waren weniger erfolg­reich, so etwa Myovant und Akcea, die Anzeichen von Fehlent­schei­dungen seitens der Unter­nehmens­führungen erkennen liessen. Für einige F&E intensive Unter­nehmen wie Agios erweist sich der sich abzeich­nende Kapital­bedarf als Kurs­belastung.

Was erwarten Sie noch vom Rest des Biotech­jahres?

Wir rechnen für das 4. Quartal mit beachtlichen Fort­schritten in der Wirk­stoff­pipeline von Bio­tech­unter­nehmen: Im Fokus stehen Sage, Halo­zyme, Myovant, Myokardia, Homo­logy, Crispr Thera­peutics sowie Incyte. Zulas­sungen werden von Intra-Cellulars Lumate­perone und Alexions Ulto­miris erwartet.

Wir werden die ansteigenden Bewertungs­lücken zwischen dem Biotech­sektor sowie anderen Sektoren in der Gesund­heits­branche und den breiteren Aktien­märkten genau im Auge behalten. Während der letzten 25 Jahre haben wir immer wieder vergleich­bare Schwan­kungen erlebt. In unseren Augen bilden die immensen grund­legenden Fort­schritte auf wissen­schaft­licher, medi­zinischer und wirt­schaft­licher Ebene des Bio­tech­sektors weiterhin die Grund­lage für jene Investi­tionen, die wir im Inte­resse und zugunsten unserer Aktio­näre tätigen. Poli­tische Ausein­ander­setzungen und Entschei­dungen werden sich weiter­hin auf die oben erwähnten Bereiche auswirken, vor allem in Bezug auf die Preis­gestaltung von Medi­kamenten und deren Vergütung. Höchste Aufmerk­samkeit werden nach wie vor die zahl­reichen Handels­konf­likte der USA und der US-Präsi­dent­schafts­wahl­kampf erfahren. Auch Rege­lungen zur Preis­fest­setzung von Medi­ka­menten, die Gesund­heits­politik und mögliche präsi­diale Verfü­gungen bleiben von Inte­resse, obwohl sie sich zum Teil als wahl­taktische Rhetorik entpuppen könnten. Kurz­fristige Schwan­kungen an der Wall Street werden wir genau verfolgen und riskante trend­basierte Strategien meiden. Wir halten an unserem funda­mentalen Ansatz mit Fokus auf echter Inno­vation und einem Mehr­wert für Patienten, Kosten­träger und der Gesamt­gesell­schaft fest. Wir sind über­zeugt, dass dieser Ansatz und Fokus in Kombi­nation mit unserer lang­fristig erprobten Bewertungs­methode uns ermöglicht, weiterhin Anlage­ziele mit attrak­tiven lang­fris­tigen Renditen zu iden­tifi­zieren und in diese zu inves­tieren.

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Zur Person

Dr. Daniel Koller trat 2004 bei Bellevue Asset Mana­gement ein und ist als Senior Port­folio Manager im Bereich Bio­techno­logie mit Spezial­gebiet Herz-Kreis­lauf-Krank­heiten tätig. Seit 2010 ist er Head Mana­gement Team der börsen­kotierten Betei­ligungs­gesell­schaft BB Biotech AG. Vor seinem Eintritt bei Bellevue Asset Mana­gement war er während vier Jahren in der Finanz­industrie tätig, zuerst in der Funktion als Aktien­analyst bei UBS Warburg, danach als Private-Equity-Investor bei equity4life. Daniel Koller studierte Bio­chemie an der ETH Zürich und dokto­rierte im Bereich Bio­techno­logie während seiner Tätig­keit bei Cytos Bio­techno­logy.