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«Die Robo-Advisor kommen in der Realität an»

Thomas Soltau
Thomas Soltau
Vorstand
wallstreet:online capital AG / FondsDISCOUNT.de, Berlin fondsdiscount.de

8. Februar 2019

Herr Soltau, Sie haben einen tiefen Einblick in das Verhalten der Buy-Side. Welche Art von Fonds wird aktuell am stärksten nachgefragt?

In 2018 ging der Trend verstärkt von Misch­fonds zu Aktien­fonds über, was sich aller­dings Ende des Jahres schlag­artig änderte. Kein Wunder, bei über 18 Prozent Jahres­verlust im DAX. Die Kunden gingen immer mehr auf Trend-/Themen­fonds und beschäf­tigen sich mehr mit einzelnen Themen, wie etwa Robotik, Demo­graphie oder Konsum, anstatt sich auf bestimmte Fonds­kate­gorien zu fokus­sieren. Letztlich konnte sich aber kaum ein Investor vor den fallenden Kursen schützen, nahezu alle Asset­klassen haben verloren - aber manche Themen haben den Verfall besser über­standen als andere. Ich erwarte daher für 2019 eine weitere Nach­frage nach den Themen­fonds.

Die Verlierer - wenn man dies so sagen darf - sind also die Mischfonds?

Nein, ich denke die grössten Verlierer sind die Small- und Mid-Cap-Fonds, die aufgrund ihrer Ausrichtung in 2018 über­propor­tional verloren haben und dann auch noch in Werten investiert sind, die nur begrenzt liquide sind. Folglich wurden diese Fonds wohl leider am stärksten von den Anlegern abgestraft, auch wenn einige der Fonds bereits wieder Perfor­mance gut machen konnten.

Bei den Mischfonds erwarte ich eine wieder­keh­rende Nach­frage, da sich einige davon im vergan­genen Jahr durch ihre Absi­cherungs­strategien und die richtige Posi­tio­nierung gut gehalten haben. Die Kunden achten in der Regel auf die Perfor­mance der Historie, daher wurde in 2018 eher in Aktien­fonds investiert, statt in Misch­fonds. Die Perfor­mance war in 2017 deutlich besser, die Misch­fonds streuen natürlich breiter und fahren somit weniger Risiko, was sich im vergan­genen Jahr bemerkbar gemacht hat.

Um Robo-Advisor ist es in jüngster Zeit ruhiger geworden. Teilen Sie diesen Eindruck?

Ja, in der Tat ist der Boom etwas verflogen. Mindestens vier Robo-Advisor haben sich aktiv aus dem Markt zurück­gezogen oder wurden veräussert und sind damit unter ein grösseres Dach gegangen. Wie ich bereits vor etwa zwei Jahren sagte, sind Robo-Advisor nur eine neue Verpackung für Invest­ment­fonds. Es handelt sich um standardi­sierte Port­folios, die von einem Manager verwaltet werden. Folglich nehmen die Kunden das auch nicht als ganz­heit­liche Lösung wahr, sondern als Bau­stein in ihrem Port­folio. Wenn man sich dem bewusst wird, wird einem auch klar, wie gross die Konkurrenz mit zum Beispiel der kompletten Fonds­welt aber auch mit Vermö­gens­ver­waltern für die Robo-Advisor ist. Anbieter, die sich in diesem Segment etablieren, sind diejenigen, die B2B-Ansätze fahren und auf Dritt­vertriebe oder Banken zuge­gangen sind. Nicht diejenigen, die versuchen, selbst die Endkunden über Marketing­akti­vitäten zu erreichen.

Gleichzeitig sehen wir derzeit eine Entwicklung hin zu den Meta-Platt­formen. Es gibt immer mehr Gesell­schaften, die sich diesem Thema widmen. Ein Vermö­gens­ver­walter kann dort seine Leistung in einer Strategie anbieten, ein End­kunde kann auf der Platt­form in diese Strategie inves­tieren, aber auch in verschie­dene andere Strategien und sich somit sein Port­folio zusammen­stellen. Eben ähnlich wie ein Anleger das mit seinem Depot bei Invest­ment­fonds handhaben kann.

Wo sehen Sie die grossen Trends in 2019?

Grundsätzlich steht natürlich alles im Zeichen der Digi­tali­sierung. Ich sehe eine starke Verschlankung der Prozesse bei Banken, Vermö­gens­verwaltern und auch bei Vermittlern. Der Gesetz­geber möchte zusätz­lich noch den Bereich ESG stärker fokus­sieren, was sicherlich auch zu einer entspre­chenden Entwicklung führen wird.

Auf der Anlageseite rechne ich damit, dass wir ein durchwachsenes aber nicht sehr nega­tives Jahr 2019 sehen werden und sich die Inves­toren folglich mit Themen­fonds, Immo­bilien­invest­ments (auch -fonds) und wieder Misch­fonds beschäf­tigen werden.

Gespannt bin ich auf die Entwicklung des ETF-Bereichs in 2019. Denn die ETFs haben 2018 genau das gemacht, wofür sie geschaffen wurden: Sie haben den Markt abge­bildet - erst­mals seit Aufkommen des Trends (ca. 2010) hiess das aber, dass der Anleger 15 Prozent oder mehr verloren hat.

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Zur Person

Thomas Soltau ist bereits seit 2003 in der Fonds­branche aktiv und kennt die Industrie, insbe­sondere das Verhalten der End­kunden, so gut wie kaum ein anderer. Seit Januar 2014 ist er der Vorstands­vor­sitzende der wallstreet:online capital AG und konzen­triert sich mit seinem Berliner Team seither auf die Weiter­ent­wicklung der Gesell­schaft, insbe­sondere der Web­seite Fonds­DISCOUNT.de. Mit einem verwal­teten Depot­volumen in Höhe von derzeit ca. 850 Mio. Euro hat sich das Haus zu einem der grössten Online-Vermittler in Deutschland und zeit­gleich aber auch zu einem hoch­spezia­lisierten Medien­haus entwickelt.